Hat mich jemand nach meiner Meinung gefragt?

Es kann auch ohne Arbeitslosengeld gehen!
Ich glaube, viele kennen das Märchen von dem Land, wo Milch und Honig fließen und sogar gebratene Tauben von ganz allein in den Mund fliegen. Und das Beste daran ist: Man muss sich dafür gar nicht anstrengen!
Da hatte es die arme Goldmarie von Frau Holle ja viel schwerer.

Als ich vor Jahrzehnten in die Bundesrepublik Deutschland kam, hatte ich schon ein bisschen das Gefühl, und habe es auch heute noch manchmal, in so einem Land zu leben.

Nach Bezug meiner neuen Wohnung wurde ich von einer Mieterin angesprochen. Sie erkundigte sich, ob ich mich bereits beim Arbeitsamt gemeldet hätte. Ich bestätigte dies. Sie lud mich daraufhin zu einer Tasse Kaffee ein und bot an, mir Strategien vorzustellen, um die Dauer meines Aufenthalts zu Hause zu verlängern.

Diese Einladung weckte mein Interesse, da ich mittlerweile die Arbeit schätze und ihr nachgehe. Das Kaffeestündchen mit meiner Nachbarin im Haus erwies sich als äußerst aufschlussreich und lieferte mir Erkenntnisse, die ich später in meiner unternehmerischen Tätigkeit einsetzen konnte.

Ach, es gibt doch ein Schlaraffenland!
In meiner Heimat gab es kein Arbeitslosengeld. Jeder, der Geld zum Leben und für seine persönlichen Wünsche brauchte, musste einer Tätigkeit nachgehen. Manchmal wurde gemunkelt, man müsse arbeiten, aber das stimmte auch nicht ganz.

In meinem Land gab es wichtige Erkenntnisse. Es gab eine Formulierung, die ich heute für besonders interessant und wichtig halte: „Wer Leistungen von der Gesellschaft in Anspruch nimmt, muss auch Leistungen für die Gesellschaft erbringen.“ und „Jeder nach seinen Leistungen und Fähigkeiten.“

Damit war das Arbeitslosengeld überflüssig! Heute betrachte ich diese Formulierung als unerlässlich. Und persönlich bin ich der Meinung, dass wir über eine Abschaffung des Arbeitslosengeldes, der Grundsicherung, des Bürgergeldes und wie es noch so heißen mag, nachdenken sollten.

Nach einigen Wochen gelang es mir schließlich, eine Anstellung zu finden. In meiner unmittelbaren Umgebung konnte ich rasch erkennen, welche Personen einer Beschäftigung nachgehen und welche eher arbeitslos erscheinen.  Diese Personen verweilen nahezu den gesamten Tag vor ihren Häusern, beobachten das Verhalten der Kinder, die Abfälle achtlos entsorgen, ohne einzugreifen. Sie erkundigten sich zudem häufig nach meinen seltenen Aufenthalten zu Hause.

Wenn ich meine Erfahrungen mit gesellschafts-politischen Akteuren teile, stoße ich oft auf zwei Reaktionen. Die erste ist, dass bestimmte Dinge nicht machbar oder unproduktiv seien. Die zweite ist, dass daran bereits gearbeitet werde. Letztere Antwort begegne ich häufig in Bürgersprechstunden oder -foren und scheint ein fester Bestandteil der politischen Ausbildung zu sein.

Es stimmt, dass manche Aufgaben nicht vollständig produktiv für ein Unternehmen oder eine Sache sein mögen, aber sie haben einen viel größeren gesellschaftlichen Wert. Müssen Krankenhäuser, Seniorenbetreuung, Polizei und Schulausbildung beispielsweise Produktionskennzahlen erfüllen?

In meiner Heimat war es der Gesellschaft wichtig, dass sich jeder gebraucht fühlte. Jeder war in einen Arbeitsprozess eingebunden, hatte Kollegen, arbeitete acht Stunden am Tag und konnte nach Feierabend mit gutem Gewissen nach Hause gehen und wissen, dass er für sein Geld etwas geleistet hatte. 

Damals musste man sich nicht vor irgendwelchen Ämtern rechtfertigen oder sein „Hemd ausziehen“, und die anderen Bürger hatten keinen Grund, sich zu beklagen. Heutzutage scheint der Unmut daher zu kommen, dass Niedriglöhner nicht viel mehr als Menschen ohne Tätigkeit für ihre Arbeit erhalten.

Bertolt Brecht sagte mal etwas in der Art: Eine Kritik ohne Lösungsvorschlag ist nur die halbe Wahrheit. Daher mein Vorschlag: Wie wäre es mit gemeinnützigen kommunalen GMBHs, in denen alle angestellt werden, die auf dem „ersten“ Arbeitsmarkt keine Stelle finden?

Aufgaben, für die die Kommunen einfach nicht genug Geld haben. Diese Tätigkeiten könnten von den Geldern bezahlt werden, die momentan von den Ämtern direkt an die Arbeitslosen gehen. So hätten sie ein regelmäßiges Einkommen und könnten auch ihre Miete, Heizung und Sozialversicherungsbeiträge selbst bezahlen.

Es gibt wenige Kommunen, die Arbeitslose mit einem Euro locken. Aber mal ehrlich, ist das nicht diskriminierend? Und was bringt der eine Euro schon? Wahrscheinlich wird er ja mit den anderen Leistungen verrechnet.

Vorschläge zur Verbesserung der Sozialpolitik sind immer willkommen – teilen Sie gerne Ihre Ideen und Gedanken auf aktuellen Veranstaltungec.

Aus der Serie „Hat mich jemand nach meiner Meinung gefragt?“

Richard Purgander